Das Dagobert-Dilemma

Harald Willenbrock, Journalist, Autor hat kürzlich das Buch "Das Dagobert-Dilemma - Wie die Jagd nach Geld unser Leben bestimmt" veröffentlicht.

Harald Willenbrock, geboren 1967, lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg und hat preisgekrönte Wirtschaftsreportagen für "Brand Eins", "GEO", "NZZ-Folio", "McK Wissen" und andere geschrieben. Im Jahr 2003 wurde er mit dem "Herbert Quandt Medien-Preis" für Wirtschaftsjournalismus ausgezeichnet.
Harald Willenbrock
  Foto: Björn Lux, JUNO

Ein Interview von Elita Wiegand

Das Dagobert-Dilemma

Welche Rolle spielt Geld in unserer Gesellschaft?

Eine größere als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. In einer Leistungsgesellschaft ist Geld einfach die Währung, mit der Wertschätzung bezahlt wird. »Vor allem der Wille reich zu sein oder zu werden kurbelt unsere Wirtschaftsgesellschaft an«, hat Arno Balzer kürzlich in einem »Manager Magazin«-Editorial behauptet. Die Einschätzung ist zwar falsch, zeigt aber den Stellenwert, der dem schönen Schein heute eingeräumt wird. Geld fungiert heute als Statussymbol, Sicherheitspolster und Machtinstrument in einem.

Wie glücklich macht Geld?

Zunächst macht ein Geldgewinn durchaus glücklich – aber dieses Glück ist ein überaus flüchtiges. In Deutschland, Frankreich und Großbritannien beispielsweise haben sich die Realeinkommen seit Ende des Zweiten Weltkriegs mehr als verdoppelt, und trotzdem sind die Menschen keineswegs glücklicher. Und Multimilliardäre aus der Forbes-Liste der 400 reichsten Amerikaner verfügen über ganz ähnliche Zufriedenheitswerte wie ostafrikanische Massai verfügen, die mit ihren Rindern und Hütten aus getrocknetem Kuhdung in der kenianischen Steppe leben. Ein junger Zweig der Wirtschaftswissenschaften, die Happiness Economics, hat diese Zusammenhänge in den vergangenen Jahren eingehend untersucht. Glück oder Lebenszufriedenheit sind heute Faktoren, die sich ziemlich genau messen und auch vergleichen lassen. Ergebnis: Oberhalb eines jährlichen Durchschnittseinkommens von 10.000 Dollar bringt mehr Geld kaum mehr Glück.

Aber Geld beruhigt doch wenigstens...

Auf den ersten Blick lebt es sich auf der Innenseite des Pelzes tatsächlich besser. Laut Statistik sind wohlhabende Menschen gesünder, haben eine höhere Lebenserwartung und ihre Ehen halten länger. Zumindest die ersten beiden Faktoren sind aber – wie Studien britischer Gesundheitsforscher belegen – primär ihrem Status geschuldet, also der Anerkennung, den ein Mensch erfährt. Und Geldmangel ist zwar meist ein Symptom für einen geringen Status, aber keineswegs dessen Ursache. Deshalb kann mehr Geld auch nicht die Lösung sein.

Warum ist das Geld-Glück nur von kurzer Dauer?

Wir gewöhnen uns einfach sehr schnell an Geld. Jedes Mehr-Einkommen versickert im dicken Teppich der Lebensumstände, an die wir uns gewöhnt haben. Um dauerhaft mehr Glück zu erleben, müssten wir also auch fortlaufend mehr Geld beschaffen. Wie kräftig wir uns jedoch auch ins Zeug legen und finanziell verbessern mögen – es ist irgendwie nie genug. Denn wenn wir unseren Lebensstandard beurteilen, orientieren wir uns zwangsläufig an dem, was Nachbarn, Kollegen und Konkurrenten besitzen, wobei wir ernüchtert feststellen, dass es immer andere gibt, die mehr haben als wir. Der Modemacher Wolfgang Joop hat das für das Millionärsghetto Monaco einmal sehr treffend so ausgedrückt: "So viel Sie besitzen - Sie können nie sicher sein, ob nicht neben, unter oder oben jemand wohnt, der noch mehr hat."

Heißt, dass wir mit unserem Status nie zufrieden sind?

Status bedeutet Anerkennung, und den zeigen wir gern durch Statussymbole. Das führt natürlich dazu, dass andere den gleichen Luxus anstreben – eine paradoxe Situation: Wenn alle Golf spielen, erhöhen sich die Aufnahmegebühren der Golfclubs, wenn alle im In-Viertel wohnen wollen, steigen dort die Mieten. Auf diese Weise treiben wir im Statusrennen gemeinsam die Preise in die Höhe, ohne dauerhaft irgendeinen Vorteil zu erlangen. Das steigende Wohlstandsniveau frisst den positiven Effekt eines wirtschaftlichen Wachstums gleich wieder auf.

Aber wir sind doch auf Wirtschaftswachstum programmiert. Wo sind die Grenzen?

Wir stehen bereits direkt vor ihnen. In diesem Jahr werden erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs die Durchschnittseinkommen der Deutschen nicht mehr steigen, sondern stagnieren und vielleicht sogar sinken. Das bedeutet: Nach Jahrzehnten des nahezu ununterbrochenen Aufstiegs blicken wir auf eine lange dürre Ebene und den Abstieg vor uns. Diese Aussicht macht uns natürlich Angst. Unser Denken und Handeln ähnelt daher immer mehr einer Kolonie Pinguine, der das Eis unter den Füßen wegzuschmelzen beginnt. Je dünner die Eisdecke wird und je mehr ins kalte Wasser springen müssen, umso heftiger wird das Gedrängel um Plätze auf den vermeintlich sicheren Schollen. Mit anderen Worten: Unser Wettlauf um Status und Geld gewinnt an Tempo. Gleichzeitig aber wissen wir heute, dass uns mehr Geld nicht mehr Zufriedenheit brächte. Und so stecken wir in demselben Dilemma wie Dagobert Duck, der legendäre Fantastilliardär aus Entenhausen: Geld bestimmt unser Leben. Aber mehr Geld macht uns nicht glücklicher.

Aber nichts ist sicher...

"Nur wer Geld hat", sagt der Trendforscher David Bosshart, "kann Zukunft horten." Der Hunger nach Garantien wird in unsicheren Zeiten immer größer, vier Billionen Euro lagern mittlerweile als private Ersparnisse auf deutschen Konten. Weil es für Normalverdiener aber immer schwieriger wird, überhaupt nennenswerte Beträge zurückzulegen, müssen wir uns Gedanken darüber machen wie wir mit der wachsenden Zahl der gering Verdienenden langfristig umgehen.

Was kommt nach dem Wohlstands-Kapitalismus? Wie geht es weiter?

Wohlstand hat erstaunlich wenig mit Wohlergehen zu tun, und das wachsende Wissen um diese Tatsache wird unsere Gesellschaft zweifelsohne verändern. Schon allein deswegen, weil die knappen Staatskassen zum Nachdenken darüber zwingen, wie sich die zur Verfügung stehenden Mittel effektiver einsetzen liessen. Und da kommt man ziemlich schnell zur Glücksökonomie.

Trotzdem: Aktienkurse sind oft wichtiger als die Partnerin, Karriere wichtiger als Kinder, ein Geschäftstermin wichtiger, als ein Abend mit Freunden...

Die ökonomische Theorie besagt, dass Menschen nüchtern Kosten gegen Nutzen abwägen und dann eine ganz rationale Entscheidung treffen. In der Praxis jedoch – das zeigen ökonomische Experimente – überbewerten wir die ökonomischen Vorteile und spielen die nicht-ökonomischen Einwände herunter, selbst wenn diese die Vorteile deutlich überwiegen. Deshalb schlagen Geld und Prestige in unserem Wertesystem immer Familie und Freunde, auch wenn Letztere nachhaltigere Glücksfaktoren sind. Mit anderen Worten: Wir treffen systematisch Fehlentscheidungen. »Finanzielle Unabhängigkeit« ist heute der verbreitetste Lebenstraum in Deutschland, und dieser Traum fordert gleich einen doppelten Preis: Einmal dadurch, dass man sich ein Leben lang für ihn abrackert. Und ein zweites Mal dadurch, dass ihn die allermeisten nie erreichen.

Also müssen wir erst lernen, glücklich zu sein?

Nein, wir müssen nur unsere Kompasse neu justieren. Denn wenn Glück das Ziel ist, ist Geld ein ziemlicher Umweg. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Es gibt nachhaltigere Wege zum Glück. Dazu gehören sichere Arbeitsplätze, intakte soziale Gemeinschaften, mehr Möglichkeiten für den Einzelnen, gesellschaftlich etwas zu bewirken – alles Faktoren, die nach Erkenntnissen der Glücksforschung die Zufriedenheit von Menschen weitaus nachhaltiger beeinflussen als das Wohlstandsniveau. Noch gilt das Bruttosozialprodukt als Maßstab für das Wohlergehen einer Bevölkerung – gut möglich, dass er schon bald gegen eine Art "Nationaler Zufriedenheitsindex" ausgetauscht wird. Ein solcher Index wäre auch ein weitaus fundierterer Maßstab, um die Arbeit einer Regierung zu bewerten. Ist sie wirklich erfolgreich in ihrer Aufgabe, die Lebenszufriedenheit ihrer Bürger dauerhaft zu verbessern? Oder ist sie nach wie vor auf die Uralt-Ziele Wachstum und Wohlstand fixiert? Aus dieser Perspektive haben die vergangenen Regierungen einen ziemlich schlechten Job gemacht.

Interview übernommen mit freundlicher Genehmigung von www.innovativ-in.de.

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